Die in diesen Tagen häufig praktizierte Verhaltenheit, die sich in jedweder Art zeigt und sich durch alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zieht, geht mir mächtig gegen den Strich. Ich erwarte wahrlich keine Sonderbehandlung, ich vermisse lediglich das, was man früher unter Charakterstärke, Tugend oder einfach unter „guter Kinderstube“ verstand. Normale Verhaltensweisen, die ein gesundes Miteinander sicherten. Wo sind sie geblieben?
Mich beschleicht das Gefühl, dass Vieles heute ausgesessen statt ausdiskutiert wird. Es herrscht die Denke: Bloß keine Konfrontation heraufbeschwören, bloß keine klare Kante zeigen. Und vor allem: Nur keine Zeit vergeuden! Lieber den Kopf in den Sand stecken und so tun, als sei nichts geschehen. Irgendwann löst sich die Sache vielleicht auch so auf, ohne dass ich gehandelt habe. Es ist mir egal, ob andere involviert sind und auf Antworten/Entscheidungen warten. Weil: Wichtig sind nicht die anderen, wichtig bin alleine ich!
Meiner Meinung nach ist solch eine Untugend (unter Bekannten bestenfalls) unfair und (unter Vertragspartnern grundsätzlich immer) unprofessionell.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen! Fehler können geschehen und im Eifer des Alltags gehen manchmal auch die wichtigsten Dinge unter. Das ist normal und passiert jedem. Auch mir. Aber mich beschleicht immer mehr das Gefühl, dass dies eine Ausrede ist, derer sich Viele heutzutage nur allzu gerne bedienen.
Menschen können gerne tun, was sie wollen, solange sie dem anderen Respekt und Toleranz entgegenbringen. Nur so funktioniert eine Gesellschaft. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um das private oder geschäftliche Umfeld geht. Unzuverlässigkeit, Ignoranz und Intoleranz sind immer zu bemängeln.

Schimpft mich eingebildet, gekränkt oder spießig, aber alte Tugenden wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Respekt halte ich hoch. In Zeiten von distanziertem Internetchat, schablonenhaften Smilies und tausendfacher Facebook-Pseudo-Freundschaften finde ich den respektvollen Umgang miteinander für wichtiger denn je.
Ich fordere Ansagen, kein Ausweichen. Ich möchte Stabilität, keine Unbeständigkeit. Ich erwarte aufrichtige Zustimmung/Kritik, kein anonymes Dis-/Like. Dies alles hat für mich mit Glaubwürdigkeit zu tun. Ich habe Angst, dass Unverbindlichkeit zum allgemein herrschenden Zeitgeist gehört. Dass wir zu Wesen mutiert sind, die Eigennutz über Menschenfreundlichkeit stellen.
Bitte nicht falsch verstehen! Ich nehme mich hierbei gar nicht aus. Auch ich urteile blind, mache Fehler und bediene mich gelegentlich der zahlreichen Plattitüden, die eine gute Kommunikation sicherstellen. Das Gejammer über das Wetter zum Beispiel oder ein auf die Frage „Wie geht es dir“ geantwortetes „Danke, gut“, obwohl es mir womöglich alles andere als gut geht. Wahre Antworten sind manchmal nicht zu ertragen, sind zu lang oder im geschäftlichen Kontext unangebracht. Auch hier greifen Konventionen, und das ist gut so. Aber wenn wir uns immer und überall nur auf diesem undifferenzierten Niveau bewegen, dann gehen wir bald unter. Dann zählen echte Emotionen und Tugenden immer weniger.
Ein Beispiel: Wo sind die Zeiten hin, in denen man sich für Wochen im Voraus verabredet hat und sich der Zuverlässigkeit seines Gegenübers sicher sein konnte? In denen der Handschlag galt? Heute heißt es oft: „Lass uns noch mal telefonieren“. Warum das? Was rechtfertigt diese Unentschlossenheit? Reicht es nicht, wenn man sich meldet, wenn tatsächlich etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt? „Schau´n wir mal …“, „Wir werden sehen …“, „Können wir ja gerne so machen …“. Das ist auf die Dauer ermüdend. Viel besser gefällt mir „Machen wir (nicht) so!“

Also, lieber Niemand. Wenn du das nächste Mal auf eine Reaktion von einem anderen Niemand wartest, dann denke vielleicht an die Worte eines Niemands: Wer rastet, der rostet und braucht sich nicht zu beschweren, wenn ihm bei Sturm das verrottete Wellblechdach um die Ohren fliegt. Denn der Dachdecker, den du bestellt hast, wollte den Sturm erst abwarten und  dachte sich: „Schau´n wir mal …“