Auszug aus AQUARIÍ-Schlucht der Erinnerung (Band 1) von Sandra Baumgärtner

Erst jetzt bemerkte Melli, dass das Boot stehen geblieben war und im Wasser dümpelte. Tamati stand an der Reling und warf den Anker aus.
„Station eins“, rief er gut gelaunt. „Das Upolu Reef.“ Außer der Coral Sea Bride sah Melli weit und breit kein anderes Schiff. Tamati bemerkte ihren Blick. „Die anderen sind drüben am Arlington Reef“, erklärte er. „Dort legen die Schiffe üblicherweise an festen Pontons an, von denen aus die Touristen gleich zu Hunderten ins Wasser geworfen werden. Da muss man schon unverschämtes Glück haben, auch nur einen Fisch zu sehen.“ Er ging ins Deckshaus und kam mit einer Kiste wieder heraus. „Hier“, sagte er. „Sucht euch was Passendes raus und dann ab ins Wasser. Aber bleibt bitte zusammen und wartet auf mich, bevor ihr abtaucht. Nicht, dass einer von euch verloren geht.“
Melli und ihre zwei Freunde suchten sich Tauchermaske, Schnorchel und passende Flossen aus, legten die Shirts und Hosen ab und kletterten einer nach dem andern die Badeleiter hinunter. Das Wasser war erstaunlich kühl, aber schon nach ein paar Zügen bemerkte es Melli nicht mehr. Sie zitterte mehr vor Aufregung, denn vor Kälte. Tamati warf einen ausgeblichenen Rettungsring in ihre Richtung und hechtete dann mit einem gekonnten Sprung ins Wasser. Er tauchte beim Ring wieder auf und bedeutete ihnen, näher zu schwimmen. Der Wellengang war bemerkenswert. Es war gar nicht so leicht, bei dem stetigen Auf und Ab vernünftig voranzukommen. Schwimmen bei Seegang war kein Vergleich zum Schwimmen im Freibad.
„Bleibt immer zusammen“, mahnte Tamati, als sie am Ring hingen. „Achtet aufeinander. Hier ist zwar noch nie etwas passiert, aber sicher ist sicher. Wenn ihr euch nicht wohlfühlt, sagt sofort Bescheid. Wir können auch gerne gemeinsam schnorcheln. Ich kann euch ein paar interessante Sachen zeigen. Oder aber ihr macht euch ohne mich auf Entdeckertour, ganz wie ihr wollt. Aber bitte nie alleine!“
„Wie sieht es hier mit Haien aus?“, fagte Matteo.
Darüber hatte sich Melli gar keine Gedanken gemacht. Klar, sie wusste, dass es am Riff Haie gab. Aber waren sie auch gefährlich? Sie fühlte sich so weit weg vom Land plötzlich sehr verwundbar.
Tamati beruhigte sie zum Glück: „Hier am Riff leben nur Schwarzspitzen-Riffhaie. Die großen leben normalerweise weiter draußen. Die Schwarzspitzen-Riffhaie werden lediglich einen Meter lang. Wenn ihr sie in Ruhe lasst, tun sie euch nichts. Rückt ihnen einfach nicht auf die Pelle. Aufpassen müsst ihr allerdings bei der schwarz-weiß gestreiften Seeschlange und der Giant Clam, der Riesenmuschel. Die Schlange ist zwar nicht aggressiv, besitzt aber ein tödliches Gift. Und die Muschel hat schon so manchen Taucher in Schwierigkeiten gebracht.“
Darauf hatte Melli keine Lust. „Also, ich wäre für eine Schnorcheltour mit dir“, meinte sie kleinlaut.
„Ich würde gerne erst mal alleine los. Und später vielleicht noch eine Runde mit dir“, sagte Elisa. Matteo stimmt seiner Freundin zu.
Tamati nickte und gab ihnen eine letzte Anweisung: „Entfernt euch nicht zu sehr vom Ring und dem Schiff. Bleibt immer in der Nähe, sodass ihr jederzeit in Rufweite seid. Ihr werdet ohnehin recht bald müde sein. Das Schnorcheln am Riff ist anstrengender, als man denkt. Und passt auf die Giant Clams auf!“ Elisa und Teo lachten und tauchten los.
„Jetzt reicht es mit den Schauermärchen“, sagte Tamati zu Melli und zog sich die Tauchermaske über die Augen. „Los geht es. Bist du bereit für das Abenteuer deines Lebens?“
 
Natürlich hatte Melli die Fotos vom Barrier Reef aus den Hochglanzmagazinen im Kopf. Als sie jedoch mit Tamati Hand in Hand zu einem der Riffe paddelte, übertraf alles ihre Vorstellungen. Die Farben- und Formenvielfalt war atemberaubend. Korallen in den bizarrsten Formen und Farben häuften sich zu einem gigantischen Wall, der auf schneeweißem Sand thronte. Kleine Fischschwärme umfluteten einzelne Hügel wie bunte Wolken. Tamati deutete auf ein rosafarbenes Büschel, dessen fleischige Stängel mit den roten, kugeligen Enden im Rhythmus der Wellen tanzten. Als Melli genauer hinsah, bemerkte sie orange-weiß gestreifte Fischchen, die sich darin versteckten. Aber kaum hatte sie die Clownsfische in Augenschein genommen, zog Tamati sie auch schon weiter. Sie rührten sich kaum und ließen sich von der Strömung gemächlich weitertreiben. Sie drifteten im Auf und Ab der Wellen über den Korallenberg. Dahinter fiel das Riff ab. Der Meeresboden hier lag einige Meter tiefer. Dennoch gelangte Sonnenlicht nach unten. Erst weiter hinten wurde es dunkel und unheimlich. Tamati deutete auf eine Erhebungen zwischen Seegras und Felsen. Melli starrte nach unten und wunderte sich. Tamati tauchte ab und benötigte gerade mal ein paar Flossenschläge, um unten anzukommen. Es war bewundernswert, wie geschmeidig er durch das Wasser glitt.
Als gehöre er hierhin, dachte Melli. Er stupste einen grauen Schatten, der auf der Sandbank lag, vorsichtig an. Es gab einen Ruck, Sand wirbelte auf und ein pockennarbiger Fisch schüttelte sich frei. Mit hektischen Bewegungen machte er sich davon. Zu Mellis Überraschung kam Tamati nicht sofort wieder nach oben, sondern schwamm ein paar Meter weiter und hielt bei einem Gebilde an. Er versicherte sich, dass sie zu ihm hinsah, und deutete dann darauf. Melli wusste, was er ihr zeigen wollte. Die Riesenmuschel ging ihm bis zur Hüfte und war fast ebenso breit wie hoch. Sie hatte ihre Schalen leicht geöffnet und trug das Innerste offen zur Schau. Es hing wie ein wellenförmiger Kragen über den Spalt und strahlte in einem satten Lila. Das wollte Melli sich genauer ansehen. Sie holte tief Luft und tauchte ab. Schnell merkte sie, dass der Druck auf die Ohren zunahm. Nach einem Ausgleich schaffte sie es gerade so bis zur Muschel, schwebte jedoch im Gegensatz zu Tamati recht unbeholfen über ihr. Sie spürte, wie ihr die Luft ausging, wie ihre Ohren schmerzten und ihr Körper sie nach oben befördern wollte. Dennoch hielt sie sich mit gelegentlichen Flossenschlägen einigermaßen an Ort und Stelle. Die Farben der Muschel waren von Nahem noch beeindruckender. Den Saum zierte ein gelb-grünes Punktmuster. Der innere Rand schimmerte wie Samt in allen erdenklichen Violetttönen und ging in ein unscheinbares Gelb über. Prustend und nach Luft japsend kam sie wieder an die Oberfläche. Neben ihr streckte Tamati den Kopf aus dem Wasser und spuckte den Schnorchel aus. Er wirkte kein bisschen aus der Puste.
„Nicht übel“, meinte er anerkennend.„Das waren gerade eben fünf Meter, die du runter getaucht bist.“
„Echt?“ Daher taten ihr also die Ohren weh.
„Aber du solltest es am Anfang nicht gleich übertreiben“,sagte er und lächelte.„Wie sieht es aus? Kannst du noch?“ Er suchte nach Elisa und Matteo und winkte ihnen zu. Matteo hielt Daumen und Zeigefinger zum O geformt in die Höhe. „Alles in Ordnung“, bedeutete es. Tamati tat es ihm gleich. „Ich kann noch“,behauptete Melli, auch wenn sie heute sicherlich nicht mehr so tief tauchen würde. Hätte sie im Schwimmunterricht so tief tauchen müssen, wäre sie mit Sicherheit gescheitert. Hier war es ganz einfach gewesen.
„Gut, dann komm. Finden wir die Schildkröten und Riffhaie. Und wenn dir Poseidon gewogen ist, dann bekommen wir vielleicht auch einen Mantarochen zu Gesicht.“ Er hielt ihr wieder die Hand hin.
Nur zu gerne ließ sich Melli so von ihm durchs Wasser führen. Sie entdeckten tatsächlich noch ein paar Schwarzspitzen Riffhaie, die jedoch weit genug von ihnen entfernt waren, um Melli keine Angst einzujagen. Zudem waren sie wirklich zu klein, um gefährlich werden zu können. Dennoch hielt Tamati einen Sicherheitsabstand ein. Poseidon mochte Melli offensichtlich nicht, denn weder eine Schildkröte noch ein Mantarochen tauchten auf. Schließlich hingen sie wieder am Rettungsring und warteten auf die beiden anderen.
„Und?“, wollte Tamati wissen. „Hat es dir gefallen?“
Sie nickte begeistert. „Und wie!“, prustete sie und spuckte Salzwasser aus, das ihr in die Nase gelaufen war.
„Hey-Ho, Tamati“, kopierte Matteo den Gruß. Er schwamm nicht weit vom Schiff und winkte. Von Elisa war nichts zu sehen. „Kannst du mal kurz zu uns rüberkommen? Wir haben da etwas gefunden und wüssten gerne, was das ist.“ Johlend tauchte Elisa neben ihm wieder auf und lachte wie irre. „Kann ich hierbleiben?“, fragte Melli. Ihr war gerade nicht nach Gelächter und Trubel.
„Klar, aber bleibe in der Nähe, okay?“ Er kraulte zu den Schweizern hinüber.
Melli steckte sich den Schnorchel in den Mund und hielt, eine Hand am Rettungsring, den Kopf unter Wasser. Was für eine wundersame, ungewöhnliche Welt das da unten war. Quirlig bunt, voller Leben und gefährlich zugleich. So schön es hier auch war, so lebensgefährlich war es. Jetzt, mit einem Katamaran in Reichweite, fand Melli es hier im seichteren Wasser nicht bedrohlich. Aber der Tauchgang zur anderen Seite des Riffs, der war eine andere Sache gewesen. Die Vorstellung, Tausende von Kilometern Meer vor oder gar über einem zu haben und nicht zu wissen, was oder wer da auf einen lauerte, fand Melli gruselig. Gefährliche Haie, Riesenkalmare, und wer weiß was alles noch an Unbekanntem. Dann doch lieber die harmlosen, glitzernden Fische. Sie sah über die Korallenbank, prägte sich die Vielfalt und das Gefühl ein, das sie hier ergriff. Sie war gerade ein Teil dieser faszinierenden Unterwasserwelt. Dieses Gefühl wollte sie nie vergessen. Dieser Farbrausch, diese Unbeschwertheit. Melli hätte gut und gerne ewig bleiben können. Die Sonne wärmte ihr von oben die Schultern, das Wasser kühlte ihr den Kopf und die Füße paddelten in der kalten Tiefe. Die Wellen schaukelten sie sanft hin und her. Unter ihr zog ein Fischschwarm seine Bahnen. Er sah aus wie eine silbrige Wolke, die sich nicht entscheiden konnte, welche Richtung sie einschlagen sollte. In einem Moment ballte sich der Schwarm zu einem dichten Knäuel zusammen, um in der nächsten Sekunde wieder locker auseinanderzudriften. Er sah aus, wie ein riesiger, lebender Organismus.
Es ist ein lebender Organismus, dachte Melli verzaubert. Alles hier hat seinen Sinn. Alles ist Leben. Oben an Land, wie auch unter Wasser.
Der philosophische Gedanke gefiel ihr. Den musste sie sich merken und nachher unbedingt in ihr Tagebuch schreiben. Als sie aufsah, gab es von den drei anderen keine Spur. Vielleicht waren sie abgetaucht oder sie schwammen nun auf der anderen Seite der Coral Sea Bride. Einen letzten Blick nach unten wollte sich Melli noch gönnen. Sie konnte die Seegurke sehen, die Tamati ihr vorhin gezeigt hatte. Das putzige Ding sah wie ein aufgeblasener Putzlappen aus. Stachelig und grau. Daneben kroch ein roter Seestern langsam über den Sand. Melli beschloss, einmal noch zu der Weichkoralle mit den Clownsfischen hinabzutauchen und dann zurück zum Schiff zu schwimmen. Sie holte Luft und stieß nach unten. Die kleinen Fische huschten verschreckt zwischen die zarten Finger ihres Korallenheims, als Melli bei ihnen ankam. Doch sie konnte sich kaum auf der Stelle halten, weil sie sofort wieder nach oben gezogen wurde. Neben ihr entdeckte sie einen Felsen. Sie hielt sich daran fest und betrachtete, Füße nach oben, die orange-weißen Fischchen bei ihrem Spiel. Es dauerte nicht lange, da trauten sie sich wieder heraus und zischten munter zwischen den hellrosa Büscheln hindurch. Vorsichtig tippte Melli die Koralle an, die sofort die Tentakel ein zog. Die rote Hülle rollte sich als schützende Haut über dieAusläufer und bildete einen festen Ball. Eine perfekte Maßnahme zum Eigenschutz, aber auch für die Clownsfische, die nun im Innern vor Feinden sicher waren. Allmählich ging Melli die Luft aus. Ihre Flossen zogen sie mehr und mehr nach oben. Mittlerweile stand sie kopfüber am Felsen. Wenn sie jetzt losließe, würde sie, Füße voran, die Wasseroberfläche durchstoßen. Durch die unbequeme Haltung spürte sie einen leichten Schmerz im Rücken, wollte aber noch nicht loslassen. Es war so schön hier. So ruhig und friedlich. Sie drehte den Kopf ein wenig, um das Schauspiel der Wellen über ihr sehen zu können. Jedes Rollen schloss Luftbläschen ein und peitschte sie wie Seifenblasen durchs Wasser. Melli hörte das Gluckern, wenn sie über die Korallenbank gedrückt wurden. Aber da war noch etwas anderes. Melli konzentrierte sich und lauschte. Ein hohes Pfeifen und ein Keckern. Delfine? Ja, da waren irgendwo Delfine. Und sie kamen näher! Krampfhaft hielt sich Melli am Stein fest und sah sich um. Kaum hatte sie den Kopf gedreht, zischten auch schon graue Schatten über sie hinweg. Ein paar von ihnen flitzten durch die Wellen, verschwanden und kehrten zurück. Dabei keckerten sie, als würden sie lachen. Dann näherte sich einer bis auf ein paar Meter. Melli konnte ihr Glück kaum fassen und blieb bewegungslos hängen. Sie wollte das Tier nicht verschrecken. Sein seltsam geformter Kopf ruckte hin und her, dann pfiff er zaghaft. Der Delfin stellt sich vor. Melli musste lächeln. Die Schnauze, die kein bisschen wie die eines Delfins aussah, bewegte sich weiter auf sie zu. War diese Zutraulichkeit normal? Waren das überhaupt Delfine? Melli blinzelte und verfluchte die Taucherbrille, die beschlagen war. Waren das nicht zwei weit geöffnete Augen, die sie da anstarrten? Und dieses seltsame Glitzern dazwischen? Was war das? So absonderlich das Tier auch war, Melli hatte keine Angst vor ihm. Wegschwimmen war das Letzte, was sie jetzt wollte. Fasziniert beobachtete sie, wie das Wesen sie geschickt umrundete, um sie in Augenschein zu nehmen. Dann spürte Melli eine sachte Berührung an der Schulter. Sie empfand es als freundliche Geste. Auch dann noch, als das Wesen vor ihr stand und plötzlich eine Hand von dort hervor kam, wo eigentlich eine Flosse hätte sein müssen. Die Hand hielt einen Speer, dessen Spitze auf Mellis Hals zielte. Sie wunderte sich selbst, dass sie nicht in Panik ausbrach. Ein aufregender Schauder lief ihr durch den ganzen Körper. Das Wesen pfiff eine ganze Reihe von Tönen. Diesmal klang es erregt. Das andere Tier antwortete ihm mit einem Keckern. Mellis Lungen brannten plötzlich unerträglich, das Rückgrat schien zu brechen.
Ich muss hoch, dachte sie verzweifelt. Mist, ausgerechnet jetzt!
Sie musste loslassen, auch wenn das vielleicht bedeutete, die Wesen zu verscheuchen. Aber länger hielt sie es ohne Luft nicht mehr aus. Schweren Herzens ließ sie los und wurde sofort nach oben katapultiert. Erst an der Wasseroberfläche konnte sie sich wieder aufrichten. Sie pustete den Schnorchel frei und sah sofort wieder nach unten, ohne die Brille zu lösen. Durch den grauen Schleier des Beschlages konnte sie die Tiere mehr erahnen als sehen. Doch das zutraulichste Tier war ihr gefolgt. Es kam heran, vermied jedoch die Grenze zur Luft. Melli hielt ganz still und traute sich kaum zu atmen, als kühle Finger ihr Schlüsselbein entlangfuhren. Dann war die Berührung für einen kurzen Moment unterbrochen. Der dem eines Menschen ähnliche Kopf wurde zur Seite geneigt, die riesigen Augen fixierten Mellis Hals. Neben dem Wesen erschien ein langer dunkler Schatten.
Wie ein Schwert, dachte Melli noch.
Dann wirbelte das Wesen mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung herum und stieß zu. Sein erregtes Pfeifen mischte sich in Mellis Aufschrei. Die Hitzeladung, die ausgehend von ihrem Hals durch sie hindurch schoss, raubte ihr kurzzeitig die Sinne. Sie trieb im Wasser – die Augen geschlossen – und fühlte ihren Körper kaum noch. Alles kribbelte. Sie war müde und aufgeregt zugleich. Ihre Gliedmaßen zuckten unkontrolliert und sie musste sich darauf konzentrieren, wach zu bleiben. Wie in jenen Momenten nachts im Bett, ehe man ganz wegdriftete und wusste, dass man gleich einschlafen würde. Es war das Gefühl der Resignation, weil man nicht mehr die Kraft besaß, um den Körper vom Herunterfahren abhalten zu können. Und dann die Vorfreude auf das Abtauchen in die Traumwelt, die Erholung versprach. Melli tauchte wirklich ab und sackte allmählich auf den Sand. Sie musste gähnen. Wasser geriet ihr in Mund und Nase, füllte ihre Lungen. Sie war so müde. Wieder riss sie den Mund auf. Noch mehr Wasser drängte in ihren Mund, kroch in die Lungen hinein. Es kümmerte sie nicht. Von irgendwoher kam ein Leuchten. Ein türkisener Schimmer, der sie aufsehen ließ und sie wie ein Magnet anzog. Sie raffte sich auf und tauchte weiter, von ihren Freunden geleitet, immer auf das Leuchten zu. Der Druck stieg, einer sanften Umarmung gleich. Jemand stupste sie an. Das Delfinwesen lächelte und öffnete seinen Mund. Kleine, spitze Zähnchen funkelten, die rote Zunge fuhr vor und zurück. Es sprach und Melli verstand jedes Wort. Es erzählte Geschichten von früher, von längst vergangenen Zeiten, einer längst vergessenen Welt. Von Dingen, die so unglaublich und doch wahr waren. Melli lauschte. Eine unbändige Freude breitete sich in ihr aus, verdrängte alles andere und ließ sie laut lachen. Sie lachte, füllte die äußersten Winkel ihrer Lunge mit salzigem Meerwasser und ließ den letzten Rest Atemluft in den Himmel steigen. Sollte er sich zu seiner Großen Mutter gesellen. Sie brauchte keinen Sauerstoff mehr. Sie war jetzt ein Kind des Meeres …