Ich werde gelegentlich gefragt, ob ich so etwas wie eine Scheibroutine hätte. Ja, die habe ich. Ich schreibe immer dann, wenn es passt, wenn ich gerade Zeit und Lust dafür habe. Es kommt aber genauso gut vor, dass ich mal nicht schreibe. Zum Beispiel, wenn ich ein Projekt abgeschlossen habe und sich meine Finger ausruhen möchten oder draußen die Sonne scheint und wir beschließen, ins Schwimmbad zu gehen. Aber selbst dann sind Kladde und Lieblingsstift in Reichweite.
Im vergangenen November, als Autoren weltweit den NANO (kurz für Nanowrimo-National Novel Writing Month) zelebrierten, nahm ich mir vor, zumindest zum Teil mitzumachen. Ich setze mir das Ziel, jeden Tag mindestens 1000 Wörter (insgesamt also 30.000 Wörter) am aktuellen Projekt (#ProjektOZ2) zu schreiben. Am Ende wurden es 1500 Wörter (46300 Wörter) pro Tag im Schnitt.

1. Die Grundlage – Das Rohmanuskript

Und was passierte danach mit dem ganzen Text? War er soweit schon fertig, dass er für ein Buch taugte?

Nein, natürlich nicht. Nehmen wir zum Beispiel den Text, den ich für den vierten Band der Seraphim:Vampirsaga geschrieben habe. Die ersten Kapitel habe ich bereits 2010 geschrieben. Da war ich im Schreibwahn, textete wild drauf los, ohne auf Rechtschreib- oder Grammatikfehler, Plotknoten oder überkochendes Nudelwasser zu achten. Danach lag die Geschichte lange Zeit erst einmal in der Schublade.
Im Zuge der Veröffentlichung von Band 3 Seraphim: Veritas Obscura entnahm ich diesem Text zudem Material (für die Kenner: die Idee mit den Roten Philantropen).

2. Erste Überlegungen

Als ich  Ende 2016 das Ursprungsmaterial von Band 4 sichtete, fand ich eine löcherige Geschichte mit einem ziemlich doofen, offenen Ende. Keine leichte Arbeit, das Ganze wieder rund zu bekommen. Dass es sich dennoch lohnen könnte, daran zu werkeln, ahnte ich. Die Story gefiel mir nach wie vor sehr gut und die Fans fragten schon ungeduldig nach einer Fortsetzung der Reihe. Ich las alles Vorhandene durch und überlegte, ob es überhaupt Sinn machen würde, das alte Material zu überarbeiten. Mein Schreibstil hatte sich in den vergangenen Jahren verändert. Der Text von Seraphim: Tempus Fugit entsprach nicht mehr der Sprache, die ich heute in meinen Büchern anwende. Vielleicht wäre es einfacher, die ganze Geschichte neu zu plotten und dann komplett neu zu schreiben? Dann aber gäbe es einen sprachlichen Schnitt in der Reihe, was den Lesern sicherlich auffallen würde. Ob das gewünscht wurde? Eigentlich gehören Schnörkel zu Seraphim wie Schmetterlinge auf Blumen. Und letzten Endes, so fand ich, sollte das auch so bleiben.

3. Überarbeitung, die Erste

Ich arbeitete mich im ersten Arbeitsgang von Kapitel zu Kapitel, änderte hier ein Verb, kürzte dort einen Schnörkel raus und strafft die Geschichte. Ich versuchte letztendlich, den Schreibstil irgendwo zwischen gestern und heute anzusiedeln. Wenn ich drohte, steckenzubleiben – also, wenn ich recherchieren musste oder ich das Gefühl hatte, die Szene stimmte noch nicht ganz-, dann setzte ich ein Eselsohr oder eine Textmarkierung, um mich um jene Stelle später zu kümmern. Ansonsten hätte ich mich zu lange daran aufgehalten und womöglich den Anschluss an die Geschichte verloren. Denn es war wie immer mit Seraphim und Leander: Kaum hatte ich den beiden „Guten Tag“ gesagt, rissen sie mich auch schon mit sich ins Geschehen. Ich kam mit dem Schreiben neuer und der Überarbeitung alter Passagen kaum hinterher.
Und plötzlich kam der große Absturz. Der Text endete abrupt, mitten im Nirwana. Dieses jähe Ende hätte ich keinem zumuten wollen. Es passte einfach nicht zur Seraphim:Vampirsaga. Jeder Band ist schließlich in sich abgeschlossen. Also begann ich, den Schluss neu zu konzipieren. Dazu musste ich in der ersten Hälfte des Manuskriptes zunächst langsam, und schließlich gegen Ende ganz konkret darauf hinwirken und neue Textpassagen einpflegen.

4. Überarbeitung, die Zweite

Jetzt stand der zweite Arbeitsgang an. Ich nahm mir die einzelnen Stellen mit den Eselsohren vor, betrieb Recherche, füllte die Lücken und die meisten offenen Themen (z.B.: Ist dieser Name richtig geschrieben? Nikolai oder Nikolay? Wie heißt der Ort doch noch gleich? War es Hermeskeil oder Schillingen? Wie lautet der Nickname von Seraphim im Internet? SeraVamp09 oder nur VampSera?). Während der zweiten Überarbeitung gefiel mir plötzlich der Verlauf des Endes nicht mehr. Er hakelte, war noch nicht ganz stimmig. Das Zusatzkapitel, das ich einsetzen wollte, schrieb sich zwar fast wie von selbst und machte die Geschichte wesentlich runder, verschaffte mir aber zusätzliche Eselsohren und Markierungen, die ich abarbeiten musste.

5. Überarbeitung, die Dritte

Erneut las ich den Text von Anfang an durch. Diesmal ließ ich den Stil außer Acht, arbeitete mich ausschließlich durch die Fehler der Korrekturanzeige meines Papyrus-Programms. Zudem arbeitete ich die letzten Eselsohren/Markierungen ab.

6. Überarbeitung, die Vierte

Jetzt wurde es spannend. Ich las den Text zum letzten Mal laut. Dabei bemerkt man im Allgemeinen ganz gut, ob die Wortwahl richtig oder ob sie verschwurbelt oder gar falsch ist. Also gab es auch hier noch gelegentliche Feinarbeiten.

7. Fertig? Nö, fertig bin bloß ich …

~ENDE~ bedeutet nicht gleich das Ende der Arbeit. Aber als Autorin ist man an dieser Stelle tatsächlich erst mal am Ende. Man fühlt sich ausgelaugt, buchstabenblind und arbeitslos. Ein komisches Gefühl! Man schwankt zwischen Euphorie und Trauer, weil man tatsächlich eine Geschichte fertig geschrieben hat, seine geliebten Protagonisten aber loslassen muss. Irgendwo dazwischen ist das berühmt-berüchtigte Loch, in das man dann fällt. Das passiert mir auch regelmäßig. Zum Glück habe ich aber genügend andere Projekte, die mich ganz schnell wieder aus dem Jammertal herausholen.
Ich war jetzt also fertig. Und das abgeschlossene Manuskript? Das schickte ich ins Lektorat, wo es wieder gelesen, überarbeitet und erneut überarbeitet und … Ihr ahnt es.

8. Aber jetzt ist es fertig, oder?

Nein! Wenn das Manuskript aus dem Lektorat kommt, muss ich die Geschichte erneut lesen und überarbeiten, die hoffentlich wenigen Anmerkungen und Änderungen der Lektoren einpflegen. Aber wenn es, wie in meinem Fall, eine tolle Lektorin ist, sind Rechtschreib- und Grammatikfehler bereits eingepflegt und es gibt gar nicht mehr so viel zu ändern. Es sei denn, ich habe im Vorfeld ein Eselsohr vergessen, einen groben Denkfehler im Erzählstrang übersehen oder Blödsinn geschrieben.

9. Jetzt aber?

Fast. Nach dem Lektorat und dem finalen Überarbeiten liegt zunächst nur der eigentliche Text im PC vor. Noch ist kein eBook oder Buch daraus geworden. Aber wie das geschieht, ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich euch wann anders.

10. Was für ein Stress. Muss das so?

Eine einfache und durchaus berechtigte Frage, die ich mir gelegentlich auch selbst stelle. Die Antwort ist fast ebenso simpel: Ja, das muss! Weil ich nicht anders kann. Klar, kann man strukturierter vorgehen und bereits im ersten Durchgang sauber schreiben, sofort verbessern oder recherchieren. Weil sich aber so viele Geschichten in meinem Kopf tummeln und immer wieder neue nachkommen, muss ich sie einfach schnell aus meinem Kopf bekommen, um Platz zu schaffen. Die ganze Überarbeitungs-Prozedur ist natürlich zeitaufwendig und nervig, aber am Ende hat man eine tolle Geschichte, die vielleicht zum Buch wird und zu den Lesern findet, die dann widerum zu mir finden und mit mir über meine erschaffenen Welten/Bücher plaudern. Ja, das muss so, weil ich es so liebe. Und weil ich ohne das Schreiben tot wäre.

Schreiben ist wie Atmen. Gelegentlich machte man eine kleine Pause, aber es geht nie ohne. Und wenn man es schließlich doch lässt, stirbt man.

Weil! So einfach ist das.

Wer es bis hierher geschafft hat, darf sich gerne einen virtuellen Keks nehmen und/oder mir gerne einen Kommentar hinterlassen.

Wir lesen/hören/sehen uns!

Sandra