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Emmas Australien-Tagebuch – Eintrag 2

Irgendwo im Nirgendwo

Krass! Wir sind mit 959 Sachen und auf 11.280 Kilometer über dem Meer mit einer quietschroten Boeing unterwegs, die den Namen „Currawong“ trägt. Das ist ein rabenschwarzer, australischer Vogel. Keine Ahnung, wie der eingedeutscht heißt. Irgendwo unter uns liegt Australien. Wenn ich runterschaue, ist da lediglich rote Erde zu sehen. Auf der Übersichtskarte sieht es aus, als sei es nur ein Katzensprung von Asien nach Australien., dabei fliegen wir schon wieder eine halbe Ewigkeit. Mittlerweile haben wir auch eine Kleinigkeit zu essen bekommen. Immerhin gab es einen warmen Muffin und Kaffee. Hoffentlich hat der auch genügend Koffein drin, damit ich wach bleibe.
Jetzt aber zum Wichtigsten: zu Melli. Ich fange am besten von vorne an. Also …
Melli und ich sind BFFs. Es war Liebe auf den ersten Blick, als wir uns in der Fünften zum ersten Mal sahen. Wir haben uns nebeneinandergesetzt und wenn uns die Lehrer nicht getrennt haben, dann saßen wir in sämtlichen, gemeinsamen Fächern nebeneinander. Oft auch am Nachmittag und natürlich auch in den Ferien. Eigentlich haben wir vieles gemeinsam, manches aber auch nicht und das machte unsere Freundschaft erst richtig interessant. Ich liebe Erdnüsse, Melli dagegen Macadamias (klar, die sind ja auch aus ihrem Lieblingsland). Ich mag blonde Jungs, Melli Dunkelhaarige. Melli hört gerne Klassik, ich hasse es. Ich mag Skifahren und Berge, Melli Schwimmen und Meer. Und so weiter. Trotzdem lieben wir uns und ich würde Melli zuliebe auch in ein Sinfoniekonzert gehen. Allerdings mit Ohropax. Wir können tagelang durchquatschen und keiner hat eine Chance, uns zu stoppen. Kein Typ hat uns bisher auseinandergebracht. BFFs eben. Tja, und dann kam Juri, der hotteste Knackarsch der Schule, und hat Melli hübsche Augen gemacht. Er hat ihr total den Kopf verdreht. Ich hatte alle Mühe, sie auf Spur zu halten. Aber letztendlich hat auch er uns nicht trennen können. Das hat nur Mellis großer Traum geschafft: eine Reise nach Australien.
Aquarii Buch Mustread MeerjungfrauenIch kann sie ja verstehen. Wenn ich die tollen Bilder sehe, die mal auf Insta und Co von diversen Globetrotter zu sehen bekommt, kriege selbst ich Fernweh. Dieses Türkis vom Meer, diese tollen Inselstände und das Riff sind der Hammer. Man kann gar nicht glauben, dass es das tatsächlich gibt und man will es mit eigenen Augen sehen. Melli hat ja außerdem auch noch einen anderen Bezug zu diesem Kontinent. Sie ist dort geboren worden. Ihre Eltern haben vor gut zwanzig Jahren dort gelebt, sind dann aber kurz nach Mellis Adoption nach Deutschland gekommen. Später kam dann noch Timmi als Nesthäkchen dazu. Ich glaube, Mellis Eltern Suza und Henry sind richtige Australier. Sicher bin ich aber nicht. Ich habe sie auch nie danach gefragt. Aber in Melli scheint die Liebe zu „OZ“, wie sie Australien immer nennt, tief verankert zu sein. Sie erzählt mir immer, dass sie das Gefühl hat, in Trier nicht vollständig zu sein. Bei jeder Doku, bei jedem Film, in dem Australien vorkam, hat sie angefangen zu heulen. Warum, wusste sie oft selbst nicht. Aber sie sagte, da sei so ein komisches Gefühl, ein Sehnen, als ob dort etwas Wichtiges auf sie wartet. Ich fand ja, dass das ein bisschen spleenig klingt, aber, hey, sie ist meine BFF. Und wenn Melli eben meint, sie wäre in Deutschland nicht ganz glücklich, dann spricht doch nichts dagegen, sein Glück wo anders zu suchen, oder? Zumal wir jetzt das Abitur in der Tasche haben und uns eine Auszeit verdient haben. Wann, wenn nicht jetzt, können wir uns Monate freinehmen, um zu reisen. Schließlich bildet Reisen auch. Auslanderfahrung macht sich in Bewerbungen immer gut. Und die Optimierung des Schulenglischs ist bestimmt auch nicht falsch. Zumal wir bis zum Beginn unseres Studiums noch genügend Zeit haben. Die kann man sinnvoller nutzen, als sie zu verschlafen, vorm Fernseher zu kompostieren oder jobben zu gehen. Dann doch lieber auf Reisen gehen. Melli macht das schon richtig. Aber hätte sie bloß mal Juri zu Hause gelassen. Dass er sich gleich in den ersten Tagen der Reise als Idiot outet, hätte ich nicht gedacht. Erst lässt er Melli alleine auf Tauchtour gehen und dann … Wäre Melli nicht Melli, wäre sie bestimmt sofort nach Hause geflogen. Starkes Mädchen! Oder auch nicht. Vielleicht war es ja auch ziemlich bescheuert, nicht gleich den Rückzug anzutreten. Aber ich komme durcheinander. Als sie mir nach dem Tauchausflug mit den Schweizern das Foto mit Tamati geschickt hat, habe ich es gleich gesehen: Melli ist verliebt! Zumindest ein kleines Bisschen. Kann man ihr auch nicht verübeln. Tamati sieht super süß aus. Ein typischer Surfer/Seglertyp eben. Braungebrannt mit vielen Tattoos und einem umwerfenden Lächeln. Ich finde ja, sie wäre besser bei dem geblieben, statt mit Juri zu den Whitsuday Islands zu fliegen. Bloß weil der Vater des Schnösels einen Kollegen hat, der dort ein Segelboot besitzt. Oder hat der Vater das Boot und der Kollege ist gerade dort? Egal. So ganz genau habe ich das nicht begriffen und fragen kann ich sie nicht. Echt Kacke, dass der Kontakt zu ihr abgebrochen ist. Ich habe x-mal versucht, sie zu erreichen.

Melbourne Aquarii Books Australien

Melbourne von oben

Sie geht einfach nicht  ans Telefon. Klar, es gibt Millionen Möglichkeiten, was passiert sein könnte. Vielleicht hat sie über die tollen Erlebnisse alles andere vergessen, vielleicht ist auch nur der Akku des Handys kaputt gegangen oder das Handy ist beim Segeln ins Meer geplumpst. Vermutlich gibt es eine logische Erklärung für ihr Nichtmelden, nervös macht es mich aber trotzdem. Wenn ich doch wenigstens eine Chance gehabt hätte, mit Mellis Eltern zu reden. Aber auch die scheinen ausgereist zu sein.
Oh, ich sehe gerade, die Stewardessen beginnen mit der Ausgabe von Getränken und Snacks. Mein Magen knurrt und der Kaffeefüllstand steht auch schon auf Reserve. Ich mache jetzt mal eine kleine Schreibpause, dann gehts weiter.
Wir sind jetzt fast da. 4783 Kilometer haben wir seit Singapur zurückgelegt. Knappe eineinhalb Stunden Flugzeit liegen noch vor mir. Und dann bin ich erst in Melbourne. Kann man eigentlich noch weiter fliegen, als bis nach Australien?

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Emmas Australien-Tagebuch – Eintrag 1

Singapur Changi

Flughafen Singapur Changi (Copyright Alexander Sohre)

Australien, Aquarii, Meerjungfrau, FantasyVon Trier via Frankfurt nach Singapur Changi

Melli, ich komme und rette dich! Ich kanns kaum glauben, ich bin tatsächlich unterwegs, sitze mit einem riesen Backpack auf dem Flughafen Singapur Changi und warte aufs nächste Einchecken. Wie das hier riecht! Herrlich. Wie in einem Blumenladen. Und überall stehen Orchideen. Es ist total warm und schwül. Der Boden ist blitzblank, was aber auch kein Wunder ist, denn es wird richtig teuer, wenn man sein Kaugummi einfach ausspuckt oder eine Kippe fallen lässt. Überall hängen Verwarnschilder. Das sollten sie in Frankfurt auch mal aufhängen. Da sah es ganz anders aus. Hier in Singapur könnte man locker vom Boden essen. Tu ich natürlich nicht. Stattdessen schlürfe ich lieber einen Smoothie aus einem Becher. Ananas, Mango, Kokosmilch und noch irgend so ein Zeug, von dem ich noch nie gehört oder was gesehen habe. Eine braune, knubbelige Frucht mit weißem Fleisch und Millionen kleiner, schwarzer Körnchen drin. Sieht seltsam aus, ist aber voll lecker.
Noch eine Stunde, dann geht es weiter. Der Flug von Frankfurt hierher war okay, auch wenn die Familie in der Reihe hinter mir ziemlich genervt hat. Zum Glück haben es die Kids aufgegeben, meinen Sitz rausreißen zu wollen, und sind irgendwann eingeschlafen. Aber erst, nachdem der Steward die Eltern gebeten hatte, für Ruhe zu sorgen. Das hat noch etwas gedauert und es waren ein paar üble „Wenn-du-nicht-dann“-Reden nötig, aber dann war Stille. Dass sie nicht in den Freizeitpark von Sidney gehen dürfen, wenn sie nicht brav sind, hat die Kinder scheinbar doch schwer beeindruckt.
So gegen zwei Uhr nachts bin dann endlich auch ich eingeschlafen und erst am Morgen wieder aufgewacht, weil das Kabinenlicht anging und Breakfast-Lunch-Brunch-Gedöns serviert wurde. Ich saß in der 74sten Reihe, was prima war, weil ich da fast als Erste Essen serviert bekam und ich es nicht weit zur Toilette hatte. Eigentlich ist es ja nur für uns morgens, denn hier in Singapur ist jetzt gerade Abend. Dabei bin ich fit und habe beschlossen, so lange wach zu bleiben, wie es nur geht. Mal sehen, wie ich das mit der Zeitverschiebung schaffe.Australien, Aquarii, Meerjungfrauen, Fantasy
Ich muss zugeben, dass ich mich ab und an wundere, warum ich mir das antue. Es ist echt anstrengend. Ich habe vom Reisen ja keine Ahnung und ich habe auch niemanden, den ich fragen könnte, warum es im Flieger so wackelt oder ob die Tragflächen nicht abbrechen, wenn sie sich beim Start so stark durchbiegen. (Okay, ich habe wegen dem Wackeln gefragt. Der Steward meinte, das sei vollkommen normal. Ich habe ihm das mal geglaubt, weil er so freundlich und vertrauenswürdig aussah. Bleibt mir ja ohnehin nichts anderes übrig. Aber wegen der Tragflächensache traute ich mich dann nicht mehr, ihn noch mal zu nerven). Blöd, dass ich alleine und auf eigene Faust reise. Melli hatte wenigstens Juri dabei. Okay, der hat sich letztendlich als Idiot geouted. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich gleich von Anfang an mitgeflogen wäre? Aber als das zur Debatte stand, hatte ich kein Geld, und die Kohle, die ich auf dem Konto habe, ist für den ein Auto reserviert. Ein Glück, Australien, Aquarii, Meerjungfrauen, Fantasydass mir Tante Betty zum bestandenen Abitur dieses Wahnsinnsgeschenk machte. Ich hatte keine Ahnung, dass sie seit meiner Geburt jeden Monat ein paar Mäuse für mich beiseitegelegt hat. Krass, was da in den Jahren zusammen gekommen ist. Das reicht locker für drei Monate Reise. Danke, Tante Betty. Du hast mir damit nicht bloß eine tolle Reise beschert, sondern Melli vermutlich auch den Arsch gerettet. Ups. Ich meinte natürlich, ihren süßen, knackigen Hintern. Und nur darum geht es hier. Für meine BFF nehme ich jeden Stress auf mich! Sie würde ja auch dasselbe für mich tun, wenn ich in Schwierigkeiten stecken würde!!! Wobei ich nicht 100 prozentig weiß, ob sie in Schwierigkeiten steckt. Oder wo sie sich zur Zeit aufhält. Ich fliege auf gut Glück nach Cairns (über Melbourne, wo ich aber nicht aufhalten werde, sondern gleich wieder nach Norden weiterfliege. Voll blöd, aber ich habe keinen Direktflug bekommen …), weil das der letzte Ort war, von dem sie sich gemeldet hat. Ihr Foto, das sie mir mitgeschickt hat, habe ich natürlich dabei. Mir gefällt das Licht, auch wenn man Melli nicht wirklich erkennen kann. Und dann habe ich auch noch das Foto vom Riff. Es soll mich immer daran erinnern, wie toll es in Australien ist. Als Motivation, dass ich die Lust nicht verliere. Melli hat dieses Bild geliebt. Sie hat es immer rausgekramt, wenn sie von ihrem Fernweh nach Australien gepackt wurde. Sie hat es sogar als großes Bild in ihrem Zimmer hängen. Das Barriere Riff … ihr Traumziel schlechthin!

Great Barrier Reef, Australia, Aquarii, Meerjungfrauen

Barrier Reef (Foto mfGe von Scott Plume)

Gerade eben haben sie meinen Flug aufgerufen. „All passengers booked on Qantas Flight QF4657 to Melbourne please proceed to gate …“ Dammich! Jetzt habe ich es vergessen. Gleich noch mal auf die Anzeige schauen. Okay, Gate A20. Das Boarding beginnt. Ich muss jetzt los. Dabei habe ich nicht mal aufgeschrieben, warum ich mich auf die Suche nach Melli mache. Das werde ich im Flieger nachholen. Der Flug nach Melbourne dauert etwa sieben Stunden. Da sollte genügend Zeit sein, die Einleitung nachzuholen. Ich schreibe mein Reisetagebuch zum Glück ja nicht für unsere olle Deutschlehrerin. Gnihihi. Hierauf gibt mir keiner mehr schlechte Zensuren, also kann ich auch schreiben, wie es mir passt und ohne Punkt und Komma was mir die Frühauf immer angekreidet hat. Ätsch! So, jetzt muss ich aber. Bis nachher!

Hier findet man mich:

17.-18.04.2021 LuxCon/Luxemburg

27.-29.08.2021 FaRK/Landsweiler-Reden

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